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Interview

Fit im Job

Medizinische Beraterin und Vertrauensperson in Unternehmen: Dr. Christa Kerschgens berichtet aus ihrem Arbeitsalltag als Betriebsärztin in Berlin.

Frau Dr. Kerschgens, warum braucht ein Unternehmen eigentlich einen Betriebsarzt?
Viele Arbeitgeber engagieren sich dafür, ihren Beschäftigten gute Arbeitsbedingungen zu bieten. Allerdings fehlt mitunter das Wissen über die notwendigen Strukturen eines systematischen Gesundheitsmanagements. Hier kommen wir Betriebsärzte ins Spiel. Wir beraten und unterstützen sowohl die Führungskräfte als auch einzelne Beschäftigte bei der Gesundheitsvorsorge. Dazu sind alle Unternehmen – auch ganz kleine Betriebe – verpflichtet.

Bei besonders starker Arbeitsbelastung im Büro kriege ich mitunter Rückenschmerzen – was raten Sie mir?
Zunächst mache ich mir ein umfassendes Bild der möglichen Ursachen. Ich kläre unter anderem, ob Sie Vorerkrankungen haben. Verkrampfungen der Schulter- und Nackenmuskulatur bei der Bildschirmarbeit können zum Beispiel durch eine eingeschränkte Sehfähigkeit ausgelöst werden, deswegen ist die Bildschirmvorsorge mit einer möglichen Untersuchung des Sehvermögens in der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) als Angebot enthalten. Dann schaue ich mir an, welche gesundheitlichen Beanspruchungen und Gefährdungen an Ihrem Arbeitsplatz auftreten. Wie sieht Ihr Bewegungsablauf aus, sind Stuhl, Schreibtisch, Monitor und Tastatur ergonomisch eingestellt? Es könnte sein, dass ich Ihnen Bewegungsübungen, Ausgleichssport oder einen höhenverstellbaren Schreibtisch empfehle, der als Steharbeitsplatz genutzt werden kann.

Was wäre, wenn die Probleme vor allem stressbedingt sind?
Rückenleiden können in der Tat auch auf psychischen Belastungen beruhen, zum Beispiel durch Konflikte mit Teammitgliedern oder Vorgesetzten. In diesem Fall würde ich Ihnen Möglichkeiten zeigen, um den Stress wieder loszuwerden: etwa progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder autogenes Training. Dieses sind individuelle Ansätze. In der Arbeitsmedizin verfolgen wir aber zusätzlich immer den Systemgedanken. Wir betrachten also immer auch die gesamte Organisation und bringen unsere Kenntnisse unter Wahrung der ärztlichen Schweigepflicht in firmeneigene Prozesse ein. Wir helfen beispielsweise bei der Klärung in der Firma: Welche möglichen Gefährdungen psychischer Belastungen bestehen? Wie können diese abgebaut werden? Welche Möglichkeiten gibt es im Team, Konflikte zu lösen und Spannungen abzubauen? Sinnvoll ist dabei die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen des betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Wie funktioniert die betriebsärztliche Betreuung eines Unternehmens genau?
In der Regel betreue ich ein Unternehmen über einen langfristigen Zeitraum. Manche Betriebe besuche ich mehrmals im Monat, andere nur rund zweimal im Jahr – je nach Bedarf. In der Regel besuche ich ein Unternehmen für einen ganzen Tag und arbeite dann ein ganzes Bündel von Terminen und Aufgaben ab.

Wie läuft ein typischer Besuchstag ab?
Anlass könnte eine Arbeitsschutzausschusssitzung sein, an der ich teilnehme. Dabei werden zum Beispiel Arbeits- und Wegeunfälle ausgewertet, aber auch betriebsspezifische Themen, sofern sie die Arbeitssicherheit oder den Arbeits- und Gesundheitsschutz betreffen. Im Anschluss stehen oft individuelle Termine mit Beschäftigten an. Zum Beispiel gebe ich Empfehlungen zur Vorsorge bei bestimmten Tätigkeiten, oder ich führe Eignungsuntersuchungen durch (siehe „Betriebsärztliche Aufgaben“ auf Seite 16).

Wir haben schon das Thema Stress ange­sprochen. Psychische Erkrankungen nehmen als Ursache für Arbeitsunfähigkeiten zu. Wie beobachten Sie diese Entwicklung?
Körperliche Erkrankungen wie Virusinfekte treten noch wesentlich häufiger auf, führen aber in der Regel nur zu kurzen Arbeitsunfähigkeitszeiten. Psychische Erkrankungen verursachen dagegen oft lange Arbeitsunfähigkeiten. Als Betriebsärztin behandele ich keine individuellen psychischen Erkrankungen, etwa eine Depression. Dafür sind Fachärzte wie Psychiater oder Psychotherapeuten zuständig. Meine Aufgabe liegt darin, dem Unternehmen und den Beschäftigten Präventivmaßnahmen zu empfehlen, um Belastungen zu reduzieren. Darüber hinaus begleite ich psychisch Erkrankte bei der Rückkehr ins Erwerbsleben.

Hilfe von außen

Unternehmen können zur Sicherstellung der betriebsärztlichen Betreuung auf die Services von externen Betriebsärzten zurückgreifen. Ein solcher Anbieter ist die BAD Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH. Dr. Christa Kerschgens ist dort als Teamleiterin in Berlin und als bundesweit Themenverantwortliche für Reha- und Sozialmedizin tätig. Sie ist Fachärztin für Arbeitsmedizin und für Innere Medizin, Sozial-, Reha-, Reise- und Sportmedizin.

Inwieweit tragen die Arbeitsbedingungen zum Anstieg der psychischen Erkrankungen bei?
Diese Frage lässt sich nicht monokausal beantworten. Ich habe einerseits den Eindruck, dass die Arbeitsverdichtung branchenübergreifend zunimmt und die Freiräume zur Entspannung und Erholung schwinden. Belastbare Daten dazu gibt es allerdings nicht. Andererseits werden psychische Erkrankungen heute besser erfasst als früher – vielleicht hat der Anstieg also auch statistische Ursachen. Die Sensibilität für das Risiko psychischer Erkrankungen ist gestiegen – das ist erfreulich. Dazu trägt auch die Gefährdungsbeurteilung bei. Im Jahr 2013 hat der Gesetzgeber noch einmal betont, dass Arbeitgeber dabei auch psychische Belastungen berücksichtigen müssen.

Psychische Belastungen sind das eine – welche weiteren Veränderungen unserer Arbeitswelt beobachten Sie?
Die Digitalisierung und den demografischen Wandel. Zum einen gibt es heute wesentlich mehr Bildschirmarbeit als noch vor drei oder vier Jahrzehnten. Selbst kleine Handwerksbetriebe arbeiten mit digitalen Medien. Zum anderen stehen zunehmend ältere Beschäftigte mit Vorerkrankungen weiterhin im Berufsleben. Das sollen sie auch! Um diesem stetigen Wandel in der Arbeitswelt zu begegnen, brauchen Beschäftigte Qualifizierungsangebote, sie benötigen aber auch Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung zur Bewältigung der körperlichen und seelischen Herausforderungen.

Welche Chancen und Risiken für die Gesundheit bringt der digitale Wandel mit sich?
Gesundheitlich bietet gerade mobiles Arbeiten die Chance zur Verbesserung der Work-Life-Balance. Allerdings sehe ich dabei auch die Gefahr, dass die Grenzen von Arbeit und Freizeit verschwimmen. Zudem könnten Berufstätige vereinsamen, wenn sie häufig im Homeoffice tätig sind. Arbeit ist mehr als Leistungserbringung. Sie soll auch den sozialen Zusammenhalt fördern, einen sinnstiftenden Kontext bieten und die berufliche Weiterentwicklung unterstützen. Dazu gehören persönliche Kontakte, die sich nicht komplett durch E-Mails und Telefonate ersetzen lassen.

Wieso ist es wichtig, ältere Beschäftigte im Unternehmen zu halten?
Sie zeichnen sich durch eine große Berufs- und Lebenserfahrung aus, oft auch durch große Loyalität zum Arbeitgeber. Allerdings können Krankheiten oder natürliche Alterungsprozesse bestimmte Fähigkeiten einschränken. Als Arbeitsmedizinerin sehe ich eine Aufgabe darin, Betriebe in ihrem Change Management zu unterstützen, wachsam die Arbeitsfähigkeit und -zufriedenheit der Beschäftigten – auch der jüngeren – zu beobachten und nützliche Hinweise und Hilfen zu geben.

 

Das Gespräch führte Felix Enzian

 

Hintergrundwissen zur betriebsärztlichen Betreuung:

www.vbg.de/betriebsarzt-fasi

Betriebsärztliche Aufgaben

Die wesentlichen Aufgaben des Betriebsarztes bestehen in der konkret auf die Verhältnisse am Arbeitsplatz und die Gesundheit der Beschäftigten bezogenen arbeitsmedizinischen Beratung. Diese richtet sich sowohl an die Unternehmer als auch an die Beschäftigten vor Ort im Unternehmen. Die wichtigsten Fragestellungen in der Beratung sind die Klärung der Wechselwirkungen zwischen Arbeit und Gesundheit sowie die arbeitsmedizinische Vorsorge.

Arbeitsmedizinische Vorsorge dient dem Erkennen und Verhüten von arbeitsbedingten Erkrankungen und Berufskrankheiten, dem Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit und der Weiterentwicklung des betrieblichen Gesundheitsschutzes.

Eignungsuntersuchungen zielen auf den Nachweis der Erfüllung körperlicher und gesundheitlicher Voraussetzungen von Beschäftigten für bestimmte Tätigkeiten ab. Sie dienen im Wesentlichen der Unfallverhütung und dem Fremdschutz und sind ein Mittel der Personalauswahl. Sie sollen für den Arbeitgeber Rechtssicherheit herstellen.

LEITFADEN FÜR UNTERNEHMEN

Die Rechtsgrundlagen erläutert das VBGFachwissen „ Arbeitsmedizinische Vorsorge und Eignungsuntersuchungen. Tipps für die betriebliche Praxis“.

JETZT LESEN: www.vbg.de/vorsorge

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